Der tropische Tierkreis der westlichen Astrologie ist an den Frühlingspunkt gebunden und teilt die Ekliptik in zwölf gleiche Zeichen zu je 30 Grad. Der siderische Tierkreis ist an die Sterne gebunden. Weil sich die Erdachse in rund 26.000 Jahren einmal im Kreis dreht, driften beide Systeme langsam auseinander.
Was sind Ekliptik und Tierkreis?
Sind Tierkreiszeichen und Sternbilder dasselbe?
Was ist die Präzession der Erdachse?
Wie funktioniert der tropische Tierkreis?
Wie funktioniert der siderische Tierkreis?
Wie groß ist der Unterschied zwischen beiden Jahren?
Was bedeutet das Wassermann-Zeitalter?
Welcher Tierkreis ist der richtige?
Steckbrief Tierkreissysteme
- Tropischer Tierkreis
- bindet sich an den Frühlingspunkt, 0 Grad Widder
- Siderischer Tierkreis
- bindet sich an die Fixsterne
- Länge eines Zeichens
- 30 Grad, zwölf Zeichen auf 360 Grad
- Präzessionszyklus
- rund 26.000 Jahre
- Tropisches Jahr
- 365,242 Tage
- Siderisches Jahr
- 365,256 Tage
Wer sich mit Astrologie beschäftigt, stößt früher oder später auf eine scheinbar einfache Frage: Warum steht im Horoskop ein anderes Sternzeichen als das, in dessen Sternbild die Sonne zur Geburt tatsächlich stand? Die Antwort liegt in zwei Tierkreissystemen und in einer langsamen Bewegung der Erdachse. Diese Seite erklärt die Himmelsmechanik dahinter und zeigt, warum die westliche Astrologie dennoch so rechnet, wie sie rechnet. Sie bewertet die Deutungen nicht, sondern ordnet ein, was die Systeme tun und was nicht.
Was sind Ekliptik und Tierkreis?
Die Sonne wandert im Lauf eines Jahres scheinbar einmal durch den Sternenhimmel. Dieser scheinbare Weg heißt Ekliptik. Er entsteht, weil die Erde die Sonne in einer Ebene umkreist, der Ekliptikebene. Auch die Planeten laufen nahe dieser Ebene, und die Mondbahn ist nur um 5,145 Grad dagegen geneigt. Alle Himmelskörper, die in der Astrologie eine Rolle spielen, halten sich deshalb in einem schmalen Band um die Ekliptik auf. Dieses Band ist der Tierkreis, auch Zodiak genannt.
Die Astrologie teilt die Ekliptik in zwölf gleich lange Abschnitte von je 30 Grad, die Tierkreiszeichen. Diese gleichmäßige Teilung ist ein Rechenschema, das sich gut handhaben lässt. Jedes Zeichen bekommt Eigenschaften zugeordnet, die auf den Seiten zu den Sternzeichen beschrieben sind, dazu Elemente und Modalitäten. Die Zeichen sind Winkelabschnitte, keine Himmelsflächen mit sichtbaren Grenzen.
Die Erde dreht sich zudem um ihre Achse, die gegen die Ekliptik um 23,44 Grad geneigt ist. Die Neigung führt zu den Jahreszeiten und legt die Lage der Äquinoktien und Solstitien fest, die die Seite Äquinoktien und Sonnenwenden beschreibt.
Sind Tierkreiszeichen und Sternbilder dasselbe?
Nein. Ein Sternbild ist eine Gruppe von Sternen, die am Himmel ein Muster bilden, ein Tierkreiszeichen dagegen ein Abschnitt von genau 30 Grad auf der Ekliptik. Die Himmelsforschung kennt 88 offiziell anerkannte Sternbilder, die den gesamten Himmel bedecken. Die Sternbilder entlang der Ekliptik tragen zwar dieselben Namen wie die Zeichen, ihre Ausdehnung ist aber sehr verschieden: Die Sonne verbringt in manchen Sternbildern deutlich mehr Zeit als in anderen, weil sie nicht gleich groß und gleichmäßig verteilt sind.
Das babylonische Schema teilte den Weg der Sonne in zwölf gleich große Abschnitte und ordnete jedem ein Sternbild zu. Die Sonne zieht allerdings durch dreizehn Sternbilder. Das dreizehnte, der Schlangenträger Ophiuchus, wurde in dem Schema ausgelassen, damit es zum Kalender mit zwölf Monaten passt. Aus astronomischer Sicht gehört Ophiuchus zu den Sternbildern des Tierkreises. Das ändert für die Astrologie nichts, denn sie arbeitet mit den gleich langen Abschnitten, nicht mit den Sternbildgrenzen.
Das ist auch der Grund, warum der Satz „Die Sonne steht im Widder“ in der Astrologie etwas anderes bedeutet als in der Himmelskunde. In der Astrologie meint er: Die Sonne befindet sich im ersten 30-Grad-Abschnitt der Ekliptik, gezählt vom Frühlingspunkt. In welchem Sternbild sie am Himmel steht, ist eine andere Frage, die sich mit den Jahrtausenden verschoben hat.

Was ist die Präzession der Erdachse?
Die Erdachse zeigt nicht für alle Zeit in dieselbe Richtung. Sie taumelt langsam wie die Achse eines Kreisels. Eine volle Runde dauert rund 26.000 Jahre. Dabei beschreibt die Achse einen Kegel, dessen Öffnungswinkel durch die Neigung von etwa 23,5 Grad gegeben ist. Die Ursache ist die Anziehung von Mond und Sonne auf die Ausbuchtung der Erde am Äquator, die durch die Erdrotation entsteht. Dieser Vorgang heißt Präzession.
Zwei Folgen sind für die Astrologie wichtig. Erstens verschiebt sich der Himmelspol: Die Achse weist bis auf etwa ein Grad auf den Polarstern. Für die alten Ägypter war Thuban im Sternbild Drache der Polstern. In 13.000 Jahren wird die Wega in der Leier in der Nähe des Himmelsnordpols stehen. Zweitens wandert der Frühlingspunkt, also der Schnittpunkt von Himmelsäquator und Ekliptik, langsam rückwärts durch den Tierkreis, entgegen der Richtung der Zeichen.
Entdeckt wurde die Erscheinung von dem griechischen Astronomen Hipparchos von Nikaia um 130 vor Christus. Er verglich eigene Messungen mit Beobachtungen, die mehr als ein Jahrhundert älter waren, und stellte fest, dass sich die Schnittpunkte in den 169 Jahren davor um 2 Grad verschoben hatten. Aus 26.000 Jahren für 360 Grad folgt ein Wert von knapp 0,014 Grad pro Jahr, also rund ein Grad in 72 Jahren. Hipparchos’ Messwert liegt mit 2 Grad in 169 Jahren in der gleichen Größenordnung.
Wie funktioniert der tropische Tierkreis?
Der tropische Tierkreis, auch Jahreszeitentierkreis genannt, nimmt den Frühlingspunkt als Nullpunkt. Dieser Punkt, an dem die Sonne im März den Himmelsäquator von Süd nach Nord kreuzt, ist 0 Grad Widder. Von dort werden die Zeichen zu je 30 Grad gezählt. Die Zeichen sind damit an die Jahreszeiten gekoppelt: Das Zeichen Widder beginnt immer mit dem Frühlingsbeginn, Krebs mit der Sommersonnenwende, Waage mit der Herbst-Tagundnachtgleiche und Steinbock mit der Wintersonnenwende, ganz gleich, welches Sternbild gerade dahinter steht.
Diese Kopplung ist der Kern der westlichen Astrologie. Die Zeichenfolge Widder bis Fische bildet den Jahresablauf ab, vom Aufbruch im Frühling bis zum Ausklang im Winter, und die Deutung der Modalitäten (kardinal, fix, veränderlich) stützt sich auf genau diesen Jahreslauf. Wer tropisch rechnet, bleibt innerhalb des Rhythmus der Jahreszeiten, nicht innerhalb des Sternenhimmels.
Die Folge der Präzession: In der Antike lag der Frühlingspunkt im Sternbild Widder. Um das Jahr 1 verschob er sich in die Fische, und er geht in den Wassermann über. Die Zeichen blieben beim Frühlingspunkt, die Sternbilder blieben bei den Sternen, und beide haben sich seither auseinanderentwickelt. Bis heute sind das knapp 30 Grad, also etwa ein ganzes Zeichen.

Wie funktioniert der siderische Tierkreis?
Der siderische Tierkreis legt die Teilung dagegen fest an die Fixsterne. Sein Nullpunkt bleibt im Sternenhimmel stehen. Der Frühlingspunkt wandert damit durch die siderischen Zeichen, und zwar in rund 2.170 Jahren durch ein Zeichen (26.000 geteilt durch zwölf). Der Abstand zwischen beiden Systemen wächst jedes Jahr um knapp 0,014 Grad. Er wird als Ayanamsha bezeichnet.
Siderisch rechnet vor allem die indische Astrologie, Jyotish. Dort wird zusätzlich häufig mit den 27 Mondhäusern gearbeitet, den Nakshatras, die auf der Seite Mondhäuser beschrieben sind. Wer sein Horoskop siderisch berechnen lässt, erhält daher meist ein Sonnenzeichen, das ein Zeichen früher liegt als das tropische. Weil die Verschiebung knapp unter 30 Grad liegt, kann bei Geburten kurz nach einem Zeichenwechsel auch dasselbe Zeichen herauskommen.
Beide Systeme verwenden dieselben Tierkreiszeichen und ähnliche Deutungen, nur auf andere Lage bezogen. Sie sind keine Konkurrenten im Sinn von richtig oder falsch. Es sind unterschiedliche Bezugssysteme, die jeweils eine eigene Tradition tragen.
Wie groß ist der Unterschied zwischen beiden Jahren?
Der Unterschied lässt sich an zwei Jahreslängen ablesen. Das tropische Jahr, die Zeit von einem Frühlingspunkt zum nächsten, beträgt 365,242 Tage. Das siderische Jahr, die Zeit, in der die Erde einmal zur gleichen Stelle vor den Fixsternen zurückkehrt, beträgt 365,256 Tage. Die Differenz von 0,014 Tagen entspricht rund 20 Minuten. Um diese Zeitspanne erreicht die Sonne den Frühlingspunkt früher, als sie zum selben Sternenort zurückkehrt. Summiert über 26.000 Jahre ergibt sich genau eine Umdrehung der Achse.
Das sind kleine Beträge, die erst auf lange Sicht ins Gewicht fallen. Im Alltag spielen sie für die Sonnenzeichen keine Rolle: Die Tage, an denen die Sonne ins nächste tropische Zeichen wechselt, bleiben von Jahr zu Jahr nahezu gleich. Dass sie um einen Tag schwanken, liegt an der Schaltjahresregel: Ein Kalenderjahr mit 365,25 Tagen im Mittel hält die Jahreszeiten im Takt, und deshalb passen sich auch die Zeichenwechsel an.
Was bedeutet das Wassermann-Zeitalter?
Aus der Wanderung des Frühlingspunkts leitet die Astrologie sogenannte Zeitalter ab. Jedes dauert gut 2.000 Jahre, so lange, wie der Frühlingspunkt durch ein Sternbild des Tierkreises läuft. Die Antike lag im Zeitalter des Widders, die Zeit seit etwa dem Jahr 1 im Zeitalter der Fische, und der Übergang in den Wassermann ist im Gang. Das Bild vom „Wassermann-Zeitalter“ ist in der modernen Esoterik beliebt und steht für Gemeinschaft, Technik und geistige Offenheit.
Astronomisch ist das nur der Hinweis, dass der Frühlingspunkt langsam in ein anderes Sternbild übergeht. Wann genau der Wechsel stattfindet, lässt sich nicht festlegen, denn die Grenzen der Sternbilder sind keine Linien am Himmel, sondern Festlegungen, und die Sternbilder sind unterschiedlich ausgedehnt. Die Idee der Zeitalter ist ein Deutungsmodell der Astrologie und keine Vorhersage mit Datum.
Welcher Tierkreis ist der richtige?
Die westliche Astrologie rechnet tropisch, die indische siderisch. Für einen Interessierten bedeutet das: Wer sich in westlichen Quellen wie auf dieser Seite informiert, nutzt den tropischen Tierkreis, und die Beschreibungen der Zeichen beziehen sich auf ihn. Wer die indische Tradition kennenlernen möchte, sollte ausdrücklich siderische Berechnungen wählen und deren Deutungen lesen, denn die Bedeutung der Zeichen und Häuser ist dort eigenständig entwickelt.
Wichtiger als die Frage nach dem richtigen System ist die Offenheit darüber, was Sonnenzeichen sind: Winkelabschnitte der Ekliptik, benannt nach Sternbildern, aber nicht mit ihnen deckungsgleich. Dass „sich die Sterne verschoben haben“, entwertet das System nicht, weil es nicht am Sternbild hängt, sondern an den Jahreszeiten. Ob das Horoskop das Leben beschreibt, ist damit allerdings nicht entschieden, denn die Frage nach der Wirksamkeit bleibt davon unberührt. Die Seite Ist Astrologie wahr? geht darauf ein, und das Geburtshoroskop zeigt, wie die Zeichen im Einzelfall verteilt sind.